Kommunikation als gesellschaftlicher Resonanzraum
In einer digitalisierten Gesellschaft ist Kommunikation kein bloßes Transportmittel für Informationen mehr. Sie ist der Raum, in dem Einfluss, Zugehörigkeit und Wissen verhandelt werden. Ob in Schulen, politischen Debatten oder sozialen Medien – überall wird deutlich, dass Kommunikation selbst zur Ressource geworden ist, die unsere Wahrnehmung von Realität prägt.
Nehmen wir beispielsweise drei Themenfelder heraus, die immer wieder stark in den Medien frequentiert werden: Digitalisierung in der Bildung, Migration als politisches Narrativ und Desinformation in digitalen Räumen. An diesen Themen möchte ich einmal aufzeigen, wie eng Kommunikationsstrukturen mit gesellschaftlicher Teilhabe und demokratischer Stabilität verknüpft sind.
Schule als Kommunikationsraum: Zwischen Technik, Didaktik und Reflexion
Die Digitalisierung der Schulen steht symbolisch für den Versuch, Kommunikationsprozesse systematisch zu modernisieren. Der neue Digitalpakt Schule mit einem Volumen von fünf Milliarden Euro soll Lernorte technologisch aufrüsten – mit Tablets, Whiteboards und WLAN. Doch Technik allein ist kein Garant für Fortschritt.
Kommunikationstheoretisch betrachtet geht es bei Digitalisierung in der Bildung weniger um Informationsvermittlung als um Interaktion: Wie verändert sich das Verhältnis zwischen Lehrenden, Lernenden und Wissen, wenn KI im Klassenzimmer mitdiskutiert?
Die Friedensschule Osnabrück etwa zeigt mit dem Projekt demoKI, dass Künstliche Intelligenz als didaktisches Werkzeug dienen kann, um Demokratiebildung und kritisches Denken zu fördern. Gleichzeitig mahnen Pädagog:innen, dass Schule ein sozialer Ort bleibt – kein Experimentierfeld der Technologie. Kommunikation muss hier immer auch Beziehung, Aushandlung und Gemeinschaft sein.
Die Herausforderung: Während zwei Drittel der Jugendlichen längst mit KI-Tools wie ChatGPT arbeiten, zögern viele Lehrkräfte noch. Der Diskurs zwischen digitaler Kompetenz und pädagogischer Verantwortung ist letztlich ein Kommunikationsdiskurs: Wie gestalten wir Verständigung in einer Welt, in der Maschinen mitsprechen?
Nächstes Beispiel: Migration und Deutungshoheit: Wenn Sprache zur Grenze wird
Auch Migrationspolitik ist im Kern ein Kommunikationsphänomen. Seit dem Satz „Wir schaffen das“ im Jahr 2015 ist Sprache selbst zum Austragungsort politischer Macht geworden. Migration wird medial und politisch nicht mehr als soziale Realität, sondern als Narrativ inszeniert – als Krise, Bedrohung oder moralische Bewährungsprobe.
Kommunikation wird hier zur Grenzziehung: zwischen „uns“ und „den anderen“. Begriffe wie „Flüchtlingswelle“ oder „Invasion“ erzeugen kollektive Bilder, die Handlungen legitimieren – Zäune, Pushbacks, Abschottung. In dieser Logik wird Migration von einem menschlichen Schicksal zu einem strategischen Kommunikationsinstrument, das Wahlen beeinflusst und Diskurse polarisiert.
Ein zukunftsfähiger Umgang mit Migration braucht daher nicht nur politische, sondern kommunikative Lösungen: Transparente, empathische, dialogische Öffentlichkeiten, die Teilhabe ermöglichen und Deutung nicht allein den lautesten Stimmen überlassen.
Fake News und Desinformation: Die Erosion gemeinsamer Wirklichkeit
Der dritte Aspekt zeigt, wie fragil diese Öffentlichkeiten inzwischen geworden sind. Desinformation hat die Kommunikationslogik des Digitalen grundlegend verändert: Sie zielt nicht nur auf die Verfälschung von Fakten, sondern auf das Vertrauen in den Prozess der Wahrheitsfindung selbst.
In sozialen Netzwerken wird Kommunikation zur Zugehörigkeitsfrage. Menschen teilen Inhalte nicht, weil sie wahr sind, sondern weil sie Zugehörigkeit signalisieren. Die Forschung spricht hier von kognitiver Dissonanz: Selbst wenn man erkennt, dass Informationen falsch sind, bleibt man ihnen emotional verbunden – weil sie Teil einer sozialen Identität sind.
Die Kommunikationswissenschaftlerin Jeanette Hofmann beschreibt Desinformation deshalb als „radikalisierte Form des Widerstands gegen die Diskurse der politischen Eliten“. Das ist ein Angriff auf die Wissensdimension der Demokratie: auf jene fragile Balance zwischen Wahrheit, Meinung und Vertrauen, die öffentliche Kommunikation tragen sollte.
Ein Gegenmodell bietet Wikipedia als eine Plattform, die zeigt, dass Transparenz, Gemeinschaftsregeln und kollaborative Kontrolle funktionieren können. Hier ist Kommunikation nicht der Ort der Manipulation, sondern des Aushandelns. Jeder Beitrag wird öffentlich überprüft und jede Änderung bleibt nachvollziehbar. So entsteht mit der Zeit eine kollektive Form von Wahrhaftigkeit, also ein demokratisches Kommunikationsmodell im besten Sinne.
Kommunikation als Gestaltungsaufgabe
Was die drei Themen verbindet, ist die Erkenntnis, dass Kommunikation kein neutraler Kanal, sondern ein Gestaltungsraum gesellschaftlicher Wirklichkeit ist.
- In der Schule entscheidet sie über Bildungsgerechtigkeit und Zukunftsfähigkeit.
- In der Migrationsdebatte formt sie politische Realitäten.
- Im digitalen Raum sichert sie demokratische Kultur – oder gefährdet sie.
Eine strategische Kommunikationspraxis muss deshalb mehr leisten als Informationssteuerung. Sie muss Räume schaffen, in denen Dialog, Reflexion und Vertrauen wachsen können – sei es durch Medienbildung, partizipative Diskurse oder transparente digitale Plattformen.
Kommunikation ist kein Anhängsel gesellschaftlicher Prozesse, sie ist deren Infrastruktur. Sie vernetzt Institutionen, Wissen und Menschen – und trägt so zum sozialen Zusammenhalt bei.
Im Alltag von KI, algorithmischer Öffentlichkeit und fragmentierten, digitalen Diskursräumen wird es umso wichtiger, diese Infrastruktur zu pflegen, kritisch zu reflektieren und aktiv zu gestalten.
Denn ob in der Schule, im Netz oder im politischen Diskurs: Nur eine reflektierte, dialogische Kommunikation kann das Versprechen der Demokratie erneuern – das Versprechen, dass jede Stimme zählt, gehört und verstanden werden kann.
Mein Name ist Patrick Lehmhaus. Ich unterstütze Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen dabei, ihre Kommunikation gezielt zu gestalten – strategisch fundiert, wertebewusst und wirksam. Ob interne Prozesse, öffentliche Auftritte oder persönliche Positionierung: Gemeinsam bringen wir Klarheit in Ihre Kommunikation.

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